Rolle rückwärts – Die Internationale Energieagentur (IEA) stellt ihren Jahresbericht World Energy Outlook 2025 vor
Die International Energy Agency (IEA) ist ein Zusammenschluss aus 32 Mitgliedsstaaten (inkl. Deutschland) und 13 weiteren assoziierten Ländern. Ihr Auftrag besteht darin, für die angeschlossenen Staaten eine verlässliche, bezahlbare und nachhaltige Energiepolitik über alle Sektoren hinweg zu fördern. Ihren jährlich herausgegebenen Statusbericht versteht die IEA dabei als „maßgebliche Quelle“, in welchem auf Basis neuester Energiedaten, Technologietrends und politischer Strategien Prognosen darüber getroffen werden, wie sich der globale Energiemarkt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entwickelt. Basierend darauf sollen die legislativen Stellen der vertretenen Länder unter Abwägung von Wirtschaftlichkeit, Zugänglichkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Maßnahmen zur Abmilderung des Klimawandels Entscheidungen treffen können, um das Leben ihrer eigenen Bevölkerung nachhaltig zu verbessern.
Am 12. November fand die mit Spannung erwartete Vorstellung des diesjährigen „World Energy Outlook 2025“ statt, in einer Zeit, in der sich „Energie zunehmend im Zentrum politischer und geopolitischer Spannungen“ [Fatih Birol; Executive Director IEA] befindet. Passend gewählt scheint daher der Veröffentlichungszeitpunkt: Er fällt mit der in Belém, Brasilien, stattfindenden 30. UN-Weltklimakonferenz (COP30) zusammen.
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Einfluss der USA in diesem Jahr deutlich spürbar
2024 prognostizierte der World Energy Outlook noch eine deutliche Elektrifizierung, verbunden mit der Forderung nach einer Transformation des Energiemarktes hin zu einem resilienten sauberen Energiemarkt. Dadurch sollten die Risiken des Klimawandels langfristig sicher abgefangen werden können. Auch wenn die IEA nach wie vor davon spricht, dass wir im „Zeitalter der Elektrizität“ angekommen seien, wonach Elektrizität das „Herz unserer modernen Gesellschaft“ sei und der Bedarf an elektrischer Energie stärker wachse als die aktuellen Zubauraten, so zeigt sich in diesem Jahr dennoch verstärkt, dass viele Länder eine Rolle rückwärts zurück zu fossilen und nuklearen Energieträgern machen. Begründet wird dies damit, dass nur hiermit eine nachhaltige und verlässliche Energieversorgung sicherzustellen sei. Neu ist in diesem Zusammenhang, dass die Prognosen für den globalen Gasbedarf nun von einem kontinuierlichen Anstieg bis in die 2030er Jahre ausgehen und der Peak an fossiler Energienutzung noch nicht erreicht oder gar überschritten sei, wie noch im Jahr zuvor vermutet. Als Hauptgründe nennt die IEA vor allem die aktuelle US-Politik, insbesondere den starken Ausbau der amerikanischen LNG-Exportkapazitäten sowie die derzeit niedrigen Gaspreise. Auch im Ölmarkt spielen die USA eine entscheidende Rolle und tragen durch hohe Fördermengen (gemeinsam mit Kanada, Guyana, Brasilien und Argentinien) zu einer nahezu gesättigten Nachfrage bei. Dies werde durch steigende Verbräuche aber spätestens 2035 wieder relativiert, um den Markt im Gleichgewicht zu halten. Der Einfluss der Politik und von Gas- und Öl-Lobbyisten des IEA-Mitgliedslandes USA, das ca. ein Viertel des Jahresetats der IEA aufbringt, scheint insbesondere vor dem Hintergrund der geänderten Bewertung fossiler Energieträger im aktuellen Bericht als augenscheinlich.
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Die globalen Klimaschutzziele sind in Gefahr
Aufgrund der verstärkten Rückkehr zu fossilen Energieträgen wurden 2024 so viele CO2-Emissionen verzeichnet wie noch nie zuvor (38 Gigatonnen). Infolgedessen sei auch ein Reißen des 1,5-Grad-Ziels des Pariser Klimaschutzabkommens unabdingbar, welches bereits 2024 im Durchschnitt übertroffen wurde; nach aktueller Datenlage und Prognosen müsse vielmehr mit einer Erhöhung von 2,5 bis 3°C bis 2100 gerechnet werden. Aufgrund von „schleppenden Einsparmaßnahmen“ mussten auch die in den vergangenen Jahren prognostizierten Emissionseinsparungen bis 2030 reduziert werden, die insbesondere in den sinkenden Budgets von Klimaschutzmaßnahmen einzelner Länder begründet liegen. Dies könne drastischen Einfluss auf die Lebensbedingungen auf der ganzen Welt, sowie Auswirkungen auf die Energieversorgung durch (Extrem-) Wetterereignisse haben. Dieser Trend sei aber selbst bei schnellen Veränderungsmaßnahmen im gesamten Energiesektor und der zeitnahen umfangreichen Installation von Maßnahmen zur CO2-Entnahme aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal) nicht unumkehrbar. Gleichzeitig verzeichnet die Atomenergie in etwa 40 Ländern ein Comeback und die Investitionen befinden sich auf einem 30-Jahres-Hoch. In Deutschland wird diese Technologie hingegen aufgrund von Sicherheits- und Entsorgungsfragen nicht mehr genutzt.
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Langsamer Netzausbau, unsichere Lieferketten für kritische Rohstoffe und Cyberattacken sind die größten Gefahren für die Energiewende
Die Preise und sichere Versorgung für Elektrizität spielen eine maßgebliche Rolle für viele Haushalte und die Industrie, entsprechend gilt eine sichere und bezahlbare Versorgung mit elektrischer Energie als unerlässlich. Beispiele für die makroökonomischen Kosten von Blackouts haben sich 2024 in Chile und auf der Iberischen Halbinsel gezeigt. Zudem ist Elektrizität für den zuverlässigen Betrieb neuer digitaler Rechenzentren unverzichtbar. Ein entscheidendes Nadelöhr dafür bleibt jedoch die Geschwindigkeit des Netzausbaus sowie die Bereitstellung flexibler Speicher- und Erzeugungstechnologien. Durch die aktuell zurückhaltenden Investitionen in diesen Bereichen werden jedoch Engpässe und Verzögerungen beim Anschluss von regenerativen Anlagen und steigende Preise prognostiziert, da trotz des drastischen Rückgangs der Ausbaukapazitäten für erneuerbare Energien in den USA global weiterhin ein starker Zubau stattfindet.
Hohe Produktionsquoten an Solarpaneelen und Batterien, vornehmlich in China, halten Preise für diese Komponenten derzeit wettbewerbsfähig; führen jedoch auch zu Marktunsicherheiten und zunehmenden Bedenken im Hinblick auf die Versorgungssicherheit. Dies zeigt sich in unsicheren Lieferketten für kritische Rohstoffe, insbesondere seltene Erden, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des IEA-Jahresberichts zu rund 50 % unter Exportkontrollen standen. Ihre geografische Konzentration und daraus resultierende potenzielle Unterbrechungen von Lieferketten durch ausbleibende Exporte bergen erhebliche Risiken für Stromnetze, Batteriesysteme und Elektrofahrzeuge sowie für KI-Datensysteme, Datenträger und Verteidigungstechnologien. Die Diversifizierung von Lieferketten durch neue Partnerschaften und Nutzbarmachung von anderswo verorteten Vorkommnissen stellt daher eine große politische Herausforderung dar, um strukturelle Risiken zu reduzieren. Auch stellt die Resilienz gegen Cyberattacken auf die kritische Infrastruktur einen zentralen Aspekt der zukünftig sicheren Versorgung dar.
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Gesamtfazit
Der Jahresbericht der IEA liefert einen fundierten Bericht, der Politikern beteiligter Länder Wege in eine nachhaltige und sichere Energiezukunft aufzeigen kann. Er liefert jedoch auch verschiedene Anhaltspunkte für deutsche Energieversorgungsunternehmen, welche Marktbedingungen unter Abwägung verschiedener makroökonomischer Parameter global und national zu erwarten sind. So lässt sich aus dem diesjährigen Bericht schlussfolgern, dass der Diversifizierung der Versorgung eine wesentliche Notwendigkeit zukommt, um langfristig auf veränderte politische Entscheidungen, Wetterereignisse und die sich wandelnden Bedürfnisse der Kunden reagieren zu können. Zudem gilt es für (Übertragungs-) Netzbetreiber, einen schnelleren Anschluss von flexiblen Erzeugungs- und Speichertechnologien zu gewährleisten und den Netzausbau voranzutreiben, um mögliche Netzengpässe abfangen zu können.
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Quellen:




Micheile Henderson auf unsplash.com





