Energiewende-Monitoring: Experten fordern Beschleunigung der Energiewende und setzen auf Marktmechanismen
Die Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring hat im Dezember 2025 ihren Bericht zum Stand der Energiewende vorgelegt. Seit 2011 überwacht die offiziell eingesetzte, unabhängige Kommission den Fortschritt der Energiewende, analysiert Entwicklungen in Strom-, Wärme- und Kraftstoffmärkten und beleuchtet zentrale Herausforderungen etwa beim Netzausbau, beim Wasserstoffhochlauf und bei erneuerbaren Energien. Mit Professor Andreas Löschel, Professorin Veronika Grimm, Dr. Felix Matthes und Professorin Anke Weidlich ist das Gremium wissenschaftlich breit aufgestellt und gilt als unabhängig und institutionell verankert.
Der Bericht erhielt auch deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil ihm ein ungewöhnlicher politischer Vorstoß vorausging. Im September ließ Wirtschaftsministerin Katharina Reiche einen eigenen Bericht erstellen, der nicht von der eingesetzten Expertenkommission, sondern vom Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln (EWI) und dem Beratungsunternehmen BET erarbeitet wurde. Dieser „Sonderbericht“ entstand ohne Mandat der Monitoringkommission und warf Fragen nach politischer Rahmensetzung, Einflussnahme und strategischer Positionierung auf.
Die beiden Berichte enthalten nicht nur Unterschiede in Schwerpunktsetzung und Tonalität, sondern spiegeln auch unterschiedliche energiepolitische Leitlinien wider.
Reiches Bericht beschrieb die Energiewende als zu teuer, zu komplex, und mahnt, dass Reformen vor allem auf Kostendämpfung und das Zurückfahren bestimmter Ausbaupfade zielen müssten. Insbesondere die Förderung erneuerbarer Energien, der Netzausbau sowie instrumentelle Eingriffe, etwa über Subventionen, sollten reduziert werden.
Der offizielle Monitoringbericht der Expertenkommission spricht dagegen von einer notwendigen Verstärkung und Beschleunigung der Bemühungen zur Transformation. Aus Sicht der ExpertInnen sind mehr Anstrengungen für die Energiewende in Deutschland nötig.
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Drei zentrale Handlungsfelder für die Politik müssen priorisiert werden
Die Expertenkommission sieht drei zentrale Handlungsfelder, die in den kommenden Jahren politisch stärker in den Fokus rücken sollten: ein weiterentwickeltes Marktdesign, klare Strategien für stoffliche Energieträger wie Wasserstoff und Erdgas sowie eine Konsolidierung der Fördermaßnahmen, um die nächste Phase der Energiewende wirtschaftlich und systemdienlich zu gestalten.
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Marktdesign muss zu Erneuerbaren passen
Ein zentraler Schwerpunkt des Berichts liegt auf der Weiterentwicklung des Strommarktdesigns. Die bisherigen Marktregeln seien für ein System konzipiert worden, das von zentralen, fossilen Kraftwerken geprägt war. Mit dem hohen Anteil fluktuierender erneuerbarer Energien stoßen diese Regeln zunehmend an ihre Grenzen. Daher ist das Marktdesign an die Marktintegration erneuerbarer Energien anzupassen. Hierbei spielen Preissignale, die Anreize für einen effizienten Systembetrieb bieten, sowie Flexibilitätsanreize und ein stärker systemorientierter Betrieb von Erzeugern, Speichern und Nachfrage eine zentrale Rolle.
Regional differenzierte Börsenstrompreise werden angesichts stark unterschiedlicher Standortbedingungen für die Stromerzeugung in Deutschland als eine zentrale Voraussetzung für einen effizienten Anlagenbetrieb und rationale Investitionsentscheidungen gesehen. Zahlreiche potenziell erforderliche Fördermaßnahmen können ihre steuernde Wirkung nur dann vollständig entfalten, wenn regional variierende Erlöse, die tatsächlichen wirtschaftlichen Knappheiten angemessen widerspiegeln und entsprechende Investitionsanreize setzen.
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Strategien für stoffliche Energieträger fehlen bisher
Besonders kritisch bewertet die Kommission die bislang unzureichende strategische Einbettung der sogenannten stofflichen Energieträger – Wasserstoff, Erdgas und Mineralöl.
Neben dem Ende der Kohleverstromung wird auch der Absatz von Mineralöl und Erdgas in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten massiv zurückgehen. Das hat Konsequenzen für die Erdgasinfrastruktur, die nur teilweise für Wasserstoff umgenutzt werden kann. Trotzdem muss eine hohe Versorgungssicherheit gewährleistet werden, etwa durch unterschiedliche Bezugsquellen für Erdgas und ausreichend gefüllte Speicher.
Die Kommission mahnt eine integrierte, flexible Gas- und Wasserstoffstrategie an und fordert eine sorgfältige Abstimmung der verschiedenen Infrastrukturplanungsprozesse, insbesondere zwischen Erdgas- und Wasserstoffnetzplanung.
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Kohärenz und Effizienz der Förderinstrumente
Abschließend kritisiert die Expertenkommission die fragmentierte Förderlandschaft der Energiewende. Einzelprogramme seien häufig nicht aufeinander abgestimmt und erzeugten Mitnahmeeffekte oder Fehlanreize. Maßnahmen zur Unterstützung der Energiewende müssten stärker aufeinander abgestimmt und auf Effizienz ausgerichtet werden. Fehlsteuerungen und unnötige Subventionen sollten abgebaut werden.
Aus Sicht der Kommission ist es daher notwendig, die Vielzahl bestehender Förderinstrumente zu konsolidieren und deutlich zu vereinfachen, da die gegenwärtige Fragmentierung zu Ineffizienzen, Überschneidungen und Fehlanreizen führt.
Insgesamt plädiert die Kommission dafür, die Energiewende stärker über funktionierende Marktmechanismen zu steuern, anstatt dauerhaft auf Subventionen zu setzen.
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Bezahlbare Energie bleibt eine zentrale Voraussetzung für die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende
Zusätzlich betont die Kommission die Bedeutung bezahlbarer Energie für Haushalte und Unternehmen, um industrielle Abwanderung zu verhindern und eine breite Akzeptanz der Energiewende zu gewährleisten. Maßnahmen, die die Systemkosten senken und dadurch die Effizienz der Energiewende steigern, sollten dabei Vorrang vor Entlastungen aus Staatsmitteln haben.
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Versorgungssicherheit und Netzinfrastruktur stellen Engpässe dar
Die Kommission hebt außerdem hervor, dass Versorgungssicherheit zunehmend zur zentralen Herausforderung wird. Mit dem Rückzug konventioneller Kraftwerke fehlen bislang ausreichende marktliche Signale für gesicherte Leistung und flexible Reservekapazitäten. Gleichzeitig schreitet der Netzausbau, insbesondere auf der Verteilnetzebene, langsamer voran als erforderlich. Gefordert wird hier eine Beschleunigung des Ausbaus, insbesondere für die Integration dezentraler Erzeugung, und eine bessere Koordination von Erzeugung, Netzen und Nachfrage.
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Fazit
Die Veröffentlichung des offiziellen Monitoringberichts verdeutlicht, dass die Energiewende in Deutschland zwar Fortschritte macht, jedoch weiterhin vor großen strukturellen Weichenstellungen steht. Die Expertenkommission setzt auf eine konsistente, langfristige und marktorientierte Ausrichtung und widerspricht in manchen Punkten dem Sonderbericht von Wirtschaftsministerin Reiche.
Ein stabiler, planbarer Kurs und verlässliche Rahmenbedingungen werden jedoch nicht nur von den ExpertInnen der Kommission eingefordert, sondern ebenso von der Energiewirtschaft, die für Investitionen in Netze, Erzeugung und Speicher auf langfristige politische Verlässlichkeit angewiesen ist.
Ob die Bundesregierung nun Reiches politischem Kurs folgt oder den Empfehlungen der Kommission Priorität einräumt, muss sich noch zeigen.






Micheile Henderson auf unsplash.com


