Mehr Batteriespeicher könnten das Stromsystem um fast vier Milliarden Euro jährlich entlasten – Chance oder überschätzter Hoffnungsträger?
Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich an Dynamik gewonnen. Windenergie und Photovoltaik decken inzwischen einen immer größeren Anteil der Stromversorgung und haben den Strommarkt grundlegend verändert. Gleichzeitig steigt jedoch die Volatilität im Energiesystem: Zeiten mit sehr hoher Einspeisung aus erneuerbaren Energien wechseln sich zunehmend mit Phasen geringer Erzeugung ab. Dies führt zu negativen Börsenstrompreisen, Redispatch-Maßnahmen, Abregelungen erneuerbarer Anlagen sowie steigenden Anforderungen an Netzbetrieb und Stromhandel. Parallel nimmt die Elektrifizierung von Wärme, Mobilität und Industrie weiter zu, wodurch Flexibilität zu einem zentralen Erfolgsfaktor der Energiewende wird.
Vor diesem Hintergrund veröffentlichten das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE), der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) und der Bundesverband WindEnergie (BWE) Anfang Juli 2026 die Studie „Die nächste Phase der Energiewende: Flexibilität“. Im Mittelpunkt steht die Frage, welchen volkswirtschaftlichen Nutzen zusätzliche Batteriespeicher bereits heute für das deutsche Stromsystem entfalten könnten.
Die Kernaussage der Untersuchung ist eindeutig: Zusätzliche Batteriespeicher würden nicht nur einzelne Marktakteure entlasten, sondern das Gesamtsystem effizienter machen.
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Die Energiewende verlagert ihren Schwerpunkt von der Erzeugung zur effizienten Integration erneuerbarer Energien
Die Energiewende war lange Zeit vom Ausbau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten geprägt. Heute verschiebt sich der Fokus zunehmend auf die Integration dieser Energie in das Gesamtsystem. Photovoltaik erzeugt ihren Strom überwiegend zur Mittagszeit, Windenergie häufig in Starkwindphasen. Die Nachfrage folgt diesem Muster jedoch nur bedingt. Dadurch entstehen immer häufiger Stunden mit erheblichen Stromüberschüssen und gleichzeitig Zeiträume mit hohen Preisen und knapper Erzeugung.
Die Folge sind steigende Systemkosten. Überschüssige Energie muss teilweise abgeregelt oder zu negativen Preisen vermarktet werden, während in anderen Stunden konventionelle Kraftwerke oder Stromimporte die Versorgung sicherstellen. Netzbetreiber müssen zusätzlich durch Redispatch-Maßnahmen eingreifen, um Netzengpässe zu vermeiden. Diese Kosten werden letztlich von Verbrauchern und öffentlichen Haushalten getragen. Die Fraunhofer-Studie betrachtet deshalb nicht die Frage, wie mehr Strom erzeugt werden kann, sondern wie vorhandene erneuerbare Energie effizienter genutzt werden kann.
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Zusätzliche Batteriespeicher hätten bereits unter den Marktbedingungen 2025/2026 erhebliche Systementlastungen ermöglicht
Die Wissenschaftler modellierten rückblickend den Zeitraum von Januar 2025 bis Mai 2026 und analysierten, welche Auswirkungen zusätzliche Batteriespeicher auf das Stromsystem gehabt hätten. Im betrachteten Szenario standen dem deutschen Stromsystem zusätzlich 20 Gigawatt Batteriespeicherleistung mit einer Speicherkapazität von 80 Gigawattstunden – entsprechend einer Speicherdauer von etwa vier Stunden – zur Verfügung.
Das Ergebnis fällt bemerkenswert aus: Für den untersuchten Zeitraum errechnet die Studie volkswirtschaftliche Einsparungen von rund 5,6 Milliarden Euro. Auf ein volles Jahr hochgerechnet entspricht dies einer Entlastung von etwa 3,9 Milliarden Euro. Diese Einsparungen entstehen nicht durch günstigere Stromproduktion, sondern durch eine effizientere Nutzung bereits vorhandener erneuerbarer Energien.
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Batteriespeicher schaffen volkswirtschaftlichen Nutzen durch mehrere systemische Wirkmechanismen
Die Studie identifiziert mehrere Wirkmechanismen. Erstens steigen die Marktwerte von Wind- und Solarstrom. Batteriespeicher nehmen überschüssigen Strom in Zeiten geringer Nachfrage auf und geben ihn während höherer Preise wieder ab. Dadurch sinkt die Zahl negativer Börsenpreise deutlich und erneuerbare Anlagen müssen seltener abgeregelt werden. Nach Berechnungen der Autoren könnten negative Strompreise um rund 70 Prozent zurückgehen, während marktbedingte Abregelungen erneuerbarer Energien um etwa 55 Prozent reduziert würden. Zweitens sinken die Förderkosten für erneuerbare Energien. Höhere Marktwerte bedeuten geringere Differenzkosten zwischen Marktpreis und Förderanspruch. Davon profitieren sowohl öffentliche Haushalte als auch Stromverbraucher. Die Studie weist hierfür Einsparpotenziale von rund 1,5 Milliarden Euro jährlich aus.Drittens dämpfen Batteriespeicher die Preisvolatilität am Spotmarkt. Energie wird aus Stunden mit niedrigen Preisen in Hochpreisphasen verschoben. Dies reduziert Preisspitzen und wirkt stabilisierend auf den Markt. Schließlich verbessert sich auch die europäische Stromhandelsbilanz. Deutschland muss in Hochpreisphasen weniger Strom importieren und kann Überschüsse wirtschaftlicher vermarkten. Insgesamt verteilt sich der volkswirtschaftliche Nutzen somit auf Marktteilnehmer, Stromverbraucher und den Staat gleichermaßen.
Bemerkenswert ist zudem eine zweite Erkenntnis der Studie: Bereits der bisherige Ausbau erneuerbarer Energien wirkt trotz bestehender Fördermechanismen kostendämpfend. Für den untersuchten Zeitraum errechnet Fraunhofer einen positiven Nettoeffekt von rund 300 Millionen Euro – auch ohne zusätzliche Batteriespeicher. Speicher verstärken diesen Effekt erheblich.
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Für Energieversorger und Netzbetreiber werden Batteriespeicher zu einem strategischen Flexibilitätsinstrument
Für Stadtwerke, Netzbetreiber und Energieversorger besitzt die Studie eine strategische Dimension. Batteriespeicher entwickeln sich zunehmend von einer rein technischen Infrastruktur zu einem wirtschaftlich relevanten Flexibilitätsinstrument. Sie können gleichzeitig unterschiedliche Aufgaben übernehmen: Preisarbitrage, Regelenergie, Netzstabilisierung, Integration erneuerbarer Energien sowie perspektivisch lokale Engpassbewirtschaftung. Gerade auf Verteilnetzebene entstehen durch den Hochlauf von Photovoltaik, Elektromobilität und Wärmepumpen neue Anforderungen an die Netzführung. Batteriespeicher können dabei helfen, Lastspitzen zu glätten und Netzausbau effizient zu ergänzen – ersetzen können sie diesen allerdings nicht. Auch das Fraunhofer IEE verweist darauf, dass Flexibilität, Digitalisierung und Netzausbau gemeinsam gedacht werden müssen.
Für Energieversorger eröffnet sich damit ein erweitertes Geschäftsmodell: Speicher werden nicht mehr ausschließlich als Einzelinvestition betrachtet, sondern als Bestandteil eines integrierten Flexibilitätsportfolios.
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Die Einsparpotenziale von Batteriespeichern sind plausibel, müssen aber differenziert bewertet werden
Die Ergebnisse der Fraunhofer-Studie sind fachlich plausibel und unterstreichen die wachsende Bedeutung von Batteriespeichern im zukünftigen Energiesystem. Dennoch sollten die veröffentlichten Einsparpotenziale differenziert betrachtet werden.
Erstens handelt es sich um eine modellgestützte Ex-post-Analyse. Die ausgewiesenen 3,9 Milliarden Euro stellen keine Prognose dar, sondern beschreiben den Unterschied zwischen einem Referenzszenario und einem hypothetischen Speicherausbau unter den Marktbedingungen der Jahre 2025 und 2026. Veränderungen bei Strompreisen, Brennstoffkosten, Wetterbedingungen oder europäischen Handelsströmen können die Ergebnisse künftig erheblich beeinflussen. Zweitens konzentriert sich die Untersuchung bewusst auf Batteriespeicher mit einer Speicherdauer von vier Stunden. Diese Technologie eignet sich hervorragend zur täglichen Lastverschiebung, kann jedoch keine mehrtägigen oder saisonalen Erzeugungslücken – etwa während längerer Dunkelflauten – schließen. Für ein klimaneutrales Energiesystem bleiben deshalb weitere Flexibilitätsoptionen unverzichtbar. Hierzu zählen insbesondere Wasserstoffspeicher, flexible Gaskraftwerke, Lastmanagement, Sektorenkopplung sowie ein leistungsfähiger europäischer Strommarkt. Die Studie selbst versteht Batteriespeicher ausdrücklich als einen Baustein innerhalb eines umfassenden Flexibilitätsmixes. Drittens wird die tatsächliche Wirtschaftlichkeit wesentlich von regulatorischen Rahmenbedingungen bestimmt. Die ökonomischen Potenziale lassen sich nur realisieren, wenn Speicher diskriminierungsfrei an Strom-, Regelenergie- und Flexibilitätsmärkten teilnehmen können. Fragen der Netzentgelte, Abgaben, Doppelbelastungen sowie der zukünftigen Ausgestaltung von Redispatch- und Kapazitätsmechanismen bleiben daher entscheidende Stellschrauben. Internationale Forschung zeigt ebenfalls, dass regulatorische Gebührenstrukturen einen erheblichen Einfluss auf den wirtschaftlichen Einsatz von Batteriespeichern haben können.
Schließlich darf der Ausbau von Batteriespeichern nicht isoliert betrachtet werden. Ein resilientes Energiesystem entsteht erst durch das Zusammenspiel von erneuerbarer Erzeugung, Netzausbau, Digitalisierung, Flexibilitätsmärkten und unterschiedlichen Speichertechnologien. Speicher ersetzen keine Netze – sie erhöhen jedoch deren Effizienz und reduzieren Systemkosten.
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Fazit
Die Fraunhofer-Studie markiert einen wichtigen Perspektivwechsel in der Diskussion um die Energiewende. Während der Ausbau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten in den vergangenen Jahren im Mittelpunkt stand, rückt nun die wirtschaftliche Integration dieser Energie in das Stromsystem in den Fokus. Die modellierten Einsparpotenziale von nahezu vier Milliarden Euro jährlich verdeutlichen, dass Batteriespeicher weit mehr sind als eine Ergänzung erneuerbarer Energien. Sie entwickeln sich zu einem zentralen Infrastrukturbaustein eines flexiblen Stromsystems. Gleichzeitig zeigt die Analyse aber auch, dass Speicher allein die Herausforderungen der Energiewende nicht lösen werden.
Daher lautet die entscheidende Schlussfolgerung: Der zukünftige Erfolg der Energiewende hängt weniger von einzelnen Technologien ab als von ihrem intelligenten Zusammenspiel. Batteriespeicher werden dabei eine Schlüsselrolle übernehmen – allerdings nur gemeinsam mit Netzausbau, Digitalisierung, marktbasierten Flexibilitätsmechanismen und weiteren Speicher- sowie Erzeugungsoptionen. Für Energieversorger und Netzbetreiber bedeutet dies, Flexibilität künftig nicht mehr als Ergänzung, sondern als integralen Bestandteil ihrer strategischen Infrastrukturplanung zu verstehen.
Quellen:
20260629_FraunhoferIEE_DienaechstePhasederEnergiewende-Flexibiliteat_Studie_final_clean_version.pdf











