Die Europäische Union verknüpft den Ausbau der technologischen Souveränität direkt mit den Zielen der Energiewende

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Wie wir in Kompass-E bereits Ende April beleuchteten, entwickelt sich künstliche Intelligenz zunehmend zu einer kritischen Infrastruktur, deren zentraler Engpass die physische Energie- und Netzversorgung darstellt. Die Europäische Kommission adressiert diese Dynamik nun mit dem im Juni 2026 veröffentlichten Gesetzespaket zur technologischen Souveränität. Dieser rechtliche und strategische Rahmen reagiert auf die hohe Abhängigkeit Europas von außereuropäischen Technologieanbietern und zielt darauf ab, die Auswirkungen des digitalen Kapazitätsausbaus auf die lokalen Energienetze systematisch zu steuern.

Das Maßnahmenpaket setzt sich aus vier zentralen Bestandteilen zusammen, die unterschiedliche Steuerungsansätze verfolgen. Während der „Chips Act 2.0“ und der „Cloud and AI Development Act“ (CADA) als konkrete Verordnungsentwürfe den künftigen Rechtsrahmen definieren, flankieren die „EU Open Source Strategy“ und die „Strategic Roadmap for Digitalisation and AI in the Energy Sector“ diese Gesetze als strategische Leitlinien. Diese Mitteilungen der Kommission skizzieren die politischen Zielbilder und bereiten den Boden für spätere verbindliche Maßnahmen. Zusammen adressieren diese Bausteine spezifische Ebenen der digitalen Wertschöpfungskette und schaffen direkte planerische Berührungspunkte für kommunale Versorger.

Der Chips Act 2.0 und die Open-Source-Strategie verringern die Abhängigkeit bei Hardware und Software

Der Chips Act 2.0 und die EU Open Source Strategy flankieren die europäische Infrastrukturplanung auf der technologischen Basisebene. Die Überarbeitung des Chips Act verlagert den Fokus von einer reinen Angebotsförderung hin zur gezielten Stärkung der lokalen Nachfrage. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Entwicklung energieeffizienter Mikrochips, um den steigenden Strombedarf von Rechenzentren physisch abzudämpfen. Zudem soll die Beschaffung der Chips durch Verwaltungen und kritische Infrastrukturen den Markteintritt europäischer Hersteller erleichtern und den Ausbau sicherer Halbleiter-Lieferketten fördern.

Parallel dazu treibt die Open-Source-Strategie die Nutzung quelloffener Anwendungen voran. Dieser Ansatz stellt sicher, dass Unternehmen und öffentliche Verwaltungen nicht an proprietäre Systeme außereuropäischer Anbieter gebunden bleiben. Die Kommission fördert die Entwicklung gemeinsamer digitaler Bausteine, was die Markteintrittsbarrieren für europäische Entwickler senkt und die Interoperabilität der Systeme über Ländergrenzen hinweg erhöht. Zusammen schaffen diese Initiativen die souveräne technologische Basis für den Betrieb zukünftiger Rechenzentren.

Die geplante Verordnung für Cloud und KI formuliert verbindliche Vorgaben für den Rechenzentrumsbetrieb

Der Cloud and AI Development Act ordnet den regulatorischen Rahmen für den Ausbau und den Betrieb von Rechenzentren neu. Die Europäische Union formuliert darin das Ziel, die Kapazitäten europäischer Rechenzentren innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre zu verdreifachen; bis 2035 sollen diese Kapazitäten den europäischen Gesamtbedarf vollständig decken. Da es sich bei CADA um einen Entwurf für eine EU-Verordnung handelt, werden die darin verankerten Anforderungen nach Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens eine unmittelbare Rechtsbindung entfalten. Sie gelten dann europaweit, ohne dass es einer separaten Umsetzung in nationales Recht bedarf.

Um das angestrebte Wachstum ressourcenschonend abzubilden, etabliert die Kommission konkrete technische Rahmenbedingungen. Ein zentraler rechtlicher Maßstab ist die Power Usage Effectiveness (PUE), welche die Gesamtenergieaufnahme eines Rechenzentrums ins Verhältnis zum reinen Energiebedarf der eingesetzten IT-Infrastruktur setzt. Der aktuelle, kapazitätsgewichtete Durchschnitts-PUE-Wert für Rechenzentren in der EU (Stand 2025) liegt bei 1,29. Die Vorgaben zielen auf einen durchschnittlichen PUE-Wert von 1,15 in der gesamten Union ab. Betreiber müssen dafür fortschrittliche Kühltechnologien einsetzen und das Laufzeit-Workload-Management optimieren. Der Ansatz ist hierbei technologieneutral und orientiert sich an Zielwerten statt an starren Bauvorschriften.

Zusätzlich schreibt das Gesetz vor, dass der Kapazitätsausbau den lokalen Wasserhaushalt nicht überlasten darf, wobei die Entwicklung wassersparender Kühlkonzepte explizit als „Grand Challenge“ gefördert wird. Während die Umweltstandards für alle Betreiber gelten, sieht CADA gezielte Unterstützung für KMU vor, um deren F&E-Kosten für diese Technologien zu decken. Zudem wird für die öffentliche Beschaffung eine Zielquote von mindestens 25 % für Aufträge an KMU festgeschrieben, um den Markteintritt regionaler Akteure neben den großen Hyperscalern zu sichern.

Die Energie-Roadmap bereitet den strategischen Rahmen für die künftige Netzintegration vor

Die strategische Roadmap flankiert die Infrastrukturgesetze und adressiert das Zusammenspiel von Rechenzentren und dem Energiesektor. Prognosen der Kommission gehen davon aus, dass der Stromverbrauch von Rechenzentren bis zum Jahr 2030 auf vier bis fünf Prozent des europäischen Strombedarfs ansteigen wird. Das Strategiepapier formuliert vor diesem Hintergrund das politische Zielbild für die Netzintegration.

Die in der Roadmap formulierte Anforderung, den Anlagenbetrieb mit dem Ausbau erneuerbarer Energien zu synchronisieren, bereitet die Branche auf zukünftige Mechanismen vor. Die EU plant, Betreiber perspektivisch zur Systemdienlichkeit anzuhalten, etwa durch Vorgaben zur Lastflexibilisierung. Anstatt sofortiger Verpflichtungen fokussiert sich das Papier zunächst auf die Schaffung technischer Voraussetzungen, wie den beschleunigten Rollout intelligenter Messsysteme. Nur mit dieser Datengrundlage im Verteilnetz lassen sich die Lastspitzen der Rechenzentren künftig in Echtzeit überwachen und so intelligent steuern, dass sie das Netz bei Engpässen entlasten. Eine weitere strategische Zielvorgabe betrifft die nutzbar gemachte Abwärme, die künftig strukturiert in kommunale Wärmenetze fließen soll.

Diese Schritte bilden die technische Basis, damit Netzbetreiber die punktuellen Lasten der Rechenzentren künftig sicher überwachen und in ihre Netzsteuerung integrieren können. Die Roadmap sendet der Energiewirtschaft somit das klare Signal, dass die Standortwahl von Rechenzentren künftig stärker von der lokalen Wärmeplanung und den vorhandenen Netzkapazitäten abhängen wird.

Die neuen Regelungen eröffnen Chancen für integrierte Standortkonzepte

Der gesetzliche Rahmen verändert das Marktumfeld für kommunale Versorger: Neben der reinen Stromlieferung entsteht ein Bedarf an kombinierten Infrastruktur-Dienstleistungen. Dies bietet Stadtwerken die strategische Chance, sich frühzeitig zu positionieren. Da Betreiber unter CADA verbindliche Vorgaben zur PUE-Effizienz erfüllen müssen, wird die lokale Sektorenkopplung zum Standortfaktor. Rechenzentren produzieren kontinuierlich Abwärme auf hohem Temperaturniveau, die Netzbetreiber technisch in bestehende Fernwärmenetze einspeisen können. Dies adressiert das regulatorisch geforderte Kühlproblem und bietet Kommunen eine stabile Wärmequelle für ihre lokale Wärmeplanung.

Zusätzlich bedingt die Synchronisierung des Anlagenbetriebs mit erneuerbaren Energien neue Vertragsmodelle. Versorger können den Nachweis für die grüne Energieversorgung über langfristige Power Purchase Agreements (PPAs) abbilden, die Preisstabilität garantieren. Zudem eröffnen Mechanismen zur Systemdienlichkeit Optionen für die Flexibilitätsvermarktung. Rechenintensive Prozesse können in Zeiten von Netzengpässen gedrosselt werden, um die Stabilität zu wahren. Die physischen Komponenten der Rechenzentren, wie Batteriespeicher und Notstromaggregate, rücken damit in das direkte Management der lokalen Stromnetze.

Fazit

Die Europäische Kommission verbindet mit dem Technologiepaket den Ausbau digitaler Infrastrukturen direkt mit der Energiewende. Die zentrale Hürde für den Markt besteht darin, das rasante Wachstum bei Halbleitern, Cloud-Diensten und künstlicher Intelligenz mit den strikten Vorgaben zur Energieeffizienz, zur Abwärmenutzung und zur Netzintegration ökonomisch und physikalisch in Einklang zu bringen.

Damit wandelt sich die Rolle digitaler Infrastrukturen: Sie fungieren künftig nicht länger als reine Stromabnehmer, sondern werden zu integrierten Akteuren des Energiesystems. Für Stadtwerke und Energieversorger bedeutet dies, dass sie Infrastrukturplanungen für Strom, Wärme und Daten künftig zusammenhängend bewerten müssen.

Wir bei UP begleiten Energieversorgungsunternehmen seit über 20 Jahren bei der Analyse und Einordnung neuer regulatorischer Rahmenbedingungen. Unsere Kernkompetenz liegt darin, Sie von der strategischen Ausrichtung bis zur konkreten prozessualen Gestaltung bei der Umsetzung dieser Vorgaben und Ihrer digitalen Transformation zu begleiten.

 

Quellen:

Europäische Kommission: Factsheet Technological Sovereignty Package

Europäische Kommission: Proposal for the Chips Act 2.0

Europäische Kommission: Vorschlag für das Cloud and AI Development Act (CADA)

Europäische Kommission: Mitteilung über die europäische Technologiesouveränität, begleitet von einer Open-Source-Strategie der EU

Europäische Kommission: Strategic Roadmap for Digitalisation and AI in the Energy Sector (COM(2026) 501)

Handelsblatt Live: Rechenzentren: Verschärfung der Nachhaltigkeitskriterien