Von Automatisierung zu KI: Warum Energieversorger beide Ansätze verstehen, einordnen und gezielt kombinieren müssen
Automatisierung und Künstliche Intelligenz sind in der Energiewirtschaft längst angekommen. Laut einer aktuellen Studie des Bundesverbands der Energiemarktdienstleister setzen bereits drei Viertel der IT-Anbieter im Energiesektor auf Robotic Process Automation (RPA) oder KI-Lösungen. Besonders stark vertreten sind standardisierte Prozesse wie Datenübertragungen (70 Prozent) oder die Bearbeitung von Kundenanfragen (62 Prozent). Bei komplexeren Anwendungen, etwa Machine Learning, Chatbots oder Dokumentenerkennung, dominiert der KI-Einsatz. Und selbst generative KI hat bereits Einzug gehalten: Fast die Hälfte der Unternehmen nutzt heute schon entsprechende Anwendungen, beispielsweise für den Kundenkontakt oder interne Abläufe.
Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob diese Technologien genutzt werden, sondern wofür. Denn Automatisierung und KI haben unterschiedliche Stärken. Während RPA vor allem dort punktet, wo Prozesse standardisiert und regelbasiert sind, eröffnet KI neue Möglichkeiten in komplexen, datengetriebenen und dynamischen Anwendungsfeldern. Genau diese Abgrenzung ist für Energieversorgungsunternehmen entscheidend, um Investitionen zielgerichtet einzusetzen und die richtigen Schritte in der digitalen Transformation zu gehen.
Automatisierung für Routine, KI für Komplexität
RPA ahmt menschliche Benutzeraktionen nach und arbeitet strikt nach Regeln: Daten kopieren, Rechnungen prüfen oder Abschlagspläne anpassen. Diese Technologie ist ideal für hoch standardisierte Abläufe. Stadtwerke wie Langen zeigen, wie das funktioniert: Dort übernimmt ein Bot die Bearbeitung von Abschlagsplanänderungen, die früher manuell durchgeführt werden mussten. Heute läuft der Prozess in Sekunden und fehlerfrei.
KI dagegen wird dort stark, wo Regeln an ihre Grenzen stoßen. Sie erkennt Muster, verarbeitet heterogene Daten und trifft Entscheidungen in komplexen Situationen. Beispiele sind Lastprognosen auf Basis von Wetter- und Smart-Meter-Daten, Predictive Maintenance im Netzbetrieb oder Chatbots, die Sprache verstehen und Kundenanfragen automatisiert beantworten. Oft entstehen Mehrwerte durch die Kombination: KI analysiert, RPA setzt um.
Zur Einordnung: Wenn wir von Bots sprechen, sind damit zunächst einfache Software-Roboter gemeint, die Routineaufgaben übernehmen. Chatbots sind eine spezielle Form davon, die im Kundenservice eingesetzt werden. Sie können rein regelbasiert arbeiten oder – ergänzt durch KI – Sprache verstehen und intelligent reagieren. Entscheidend ist: Nicht jeder Bot ist automatisch KI, aber viele KI-Anwendungen nutzen Bots, um Entscheidungen in Prozesse zu übersetzen.
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RPA-Projekte sind schnell implementierbar und vergleichsweise kostengünstig, KI hingegen eröffnet neue Möglichkeiten, erfordert jedoch qualitativ hochwertige Daten und Rechenleistung
Die größte Relevanz gewinnt Wasserstoff dort, wo fossile Brennstoffe bislang alternativlos schienen: in der energieintensiven Industrie. Mainz hat in den letzten Jahren konkrete Schritte unternommen, dies praktisch zu erproben.
Für Stadtwerke ist sie entscheidend, da beide Technologien unterschiedliche Voraussetzungen, Nutzenpotenziale und Risiken mitbringen. RPA-Projekte sind schnell implementierbar und vergleichsweise kostengünstig, liefern aber nur dann Mehrwert, wenn Prozesse klar standardisiert sind. KI hingegen eröffnet neue Möglichkeiten, erfordert jedoch qualitativ hochwertige Daten, Rechenleistung und oft auch ein kulturelles Umdenken im Unternehmen. Wer nicht sauber trennt, läuft Gefahr, falsche Technologien einzusetzen – entweder Überinvestitionen in KI für einfache Routineaufgaben oder ineffiziente Automatisierung, wo nur KI wirklich Fortschritte bringt.
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Die Chancen für Stadtwerke sind enorm vielfältig
Die Potenziale sind vielfältig:
Asset Management: Automatisierte Systeme überwachen technische Anlagen, erkennen Abweichungen und stoßen Wartungsmaßnahmen automatisch an. So werden Auffälligkeiten im Betrieb frühzeitig erkannt und Gegenmaßnahmen schneller umgesetzt.
Effizienz und Kosten: Bots arbeiten rund um die Uhr, fehlerfrei und schnell. Das steigert die Produktivität und entlastet Mitarbeitende.
Bessere Entscheidungen: KI-gestützte Prognosen ermöglichen genauere Planungen, vermeiden Fehlinvestitionen und schaffen finanzielle Mehrwerte.
Kundenservice: Chatbots ermöglichen rund um die Uhr Erreichbarkeit und entlasten Call-Center. Energieversorger nutzen hier bereits sympathische digitale Assistenten, die einfache Anfragen zuverlässig übernehmen und komplexere Fälle an Mitarbeitende weiterleiten.
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Mit Cognigy automatisiert E.ON bereits 70 % seiner Kundenanfragen und bedient damit mehr als 2 Millionen Kundenanfragen pro Jahr
Auch große Player treiben das Thema voran. E.ON arbeitet beispielsweise mit Cognigy zusammen. Dort werden bereits 70 Prozent aller Kundenanfragen automatisiert bearbeitet, was mehr als zwei Millionen Servicekontakten pro Jahr entspricht. Intelligente Sprach- und Chatbots übernehmen Standardanfragen und leiten komplexere Anliegen an Mitarbeitende weiter. Das spart Zeit, senkt Kosten und steigert gleichzeitig die Kundenzufriedenheit. Diese Beispiele zeigen, dass KI nicht nur ein Thema für internationale Tech-Konzerne ist, sondern längst Realität bei kleinen wie großen Energieversorgern in Deutschland.
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Es ist davon auszugehen, dass sich EVU bereits bis zum Jahr 2030 maßgeblich verändern werden
Studien prognostizieren, dass bis 2030 in den Kerngeschäften von Energieversorgern rund ein Fünftel weniger Personal benötigt wird, da Routineaufgaben automatisiert sind. Gleichzeitig entstehen neue Rollenbilder wie Datenanalysten, KI-Manager oder Automatisierungs-Coaches. Stadtwerke werden schlanker, digitaler und stärker datengetrieben arbeiten – ein Trend, der durch die Anforderungen der Energiewende noch verstärkt wird.
Es ist zudem davon auszugehen, dass KI schon bald vollständig in unseren Alltag integriert sein wird und wir sie kaum noch bewusst wahrnehmen. Umso wichtiger ist es, sich frühzeitig mit den Technologien auseinanderzusetzen, Erfahrungen zu sammeln und klare Strategien zu entwickeln.
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Fazit: Nicht warten, sondern anfangen
Der Einsatz von KI in Stadtwerken ist keine Vision mehr, sondern eine Notwendigkeit. Die unterschiedlichen erfolgreichen Beispiele aus der Energie zeigen, dass sich Mehrwerte schon heute realisieren lassen. Entscheidend ist, dass Energieversorger jetzt starten – mit überschaubaren Projekten, die Erfahrungen schaffen und Vertrauen aufbauen.
Dazu gehört auch eine neue Fehlerkultur. Nicht jedes Projekt wird sofort ein Erfolg sein, aber auch Rückschläge liefern wertvolle Erkenntnisse. Wer heute beginnt, kann den digitalen und demografischen Herausforderungen aktiv begegnen und gleichzeitig die Chancen der Energiewende nutzen. Wer hingegen abwartet, riskiert, den Anschluss zu verlieren.
Gerade bei der Automatisierung ist das Potenzial seit Jahren bekannt, aber vielfach nicht genutzt worden. Hier stellt sich die Frage, warum so viele Chancen bislang ungenutzt geblieben sind. Die gleiche Gefahr droht auch bei KI: Möglichkeiten sind riesig, aber sie entfalten sich nur, wenn Unternehmen sie wirklich wollen und konsequent angehen.
Auch wir bei Utility Partners beschäftigen uns intensiv mit diesen Fragen. Wir sehen den gezielten Einsatz von KI und Automatisierung als entscheidenden Hebel für die Zukunftsfähigkeit von Stadtwerken. In einem gemeinsamen Exploration-Workshop helfen wir dabei, die richtigen Fragen zu stellen, Prioritäten zu setzen und Ordnung in die Vielzahl an Möglichkeiten zu bringen. So schaffen wir eine Grundlage, auf der Sie Ihre nächsten Schritte sicher und wirkungsvoll planen können.
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